Leserbrief zu „Warum kein Wort zu Kardinal Hengsbach?“, FAZ, 25.03.2026.

Zum Artikel „Warum kein Wort zu Kardinal Hengsbach?“, von Daniel Deckers und Thomas Jansen, in FAZ, 25.03.2026.

Die in dem Artikel von Daniel Deckers und Thomas Jansen formulierte Kritik an der Paderborner Mißbrauchsstudie irritiert in mehrfacher Hinsicht. Warum über Kardinal Hengsbach in dieser Studie nicht gesprochen wird, ist klar und nachvollziehbar begründet worden. Über Hengsbach wird es eine separate Studie geben. Die Frage nach den im jeweiligen Untersuchungsfall angewandten Methoden ist komplexer, als es der Artikel suggeriert. Faktum ist, dass sich die wissenschaftliche Leiterin des Paderborner Projekts, Prof. Dr. Nicole Priesching, seit Jahren gerade mit methodischen Fragen einer zeithistorischen Aufarbeitung der Mißrauchsthematik befaßt hat und zu den reflektiertesten Wissenschaftlerinnen auf diesem Gebiet zählt. Als Leiterin des im Artikel immerhin genannten „Arbeitskreises Mißbrauchsforschung“ der Kommission für Zeitgeschichte hat Frau Priesching dieses Bemühen in bisher mehreren Tagungen, Workshops und Publikationen unter Beweis gestellt. Da der Arbeitskreis den Verfassern des Artikels bekannt ist, verwundert es umso mehr, wie sie behaupten können, „die Wissenschaftliche Kommission der von der Bischofskonferenz finanzierten Kommission für Zeitgeschichte“ habe sich „nicht für ein Mindestmaß an historiographischer Expertise“ eingesetzt, „von multiperspektiven Ansätzen unter Einbeziehung qualitativer Sozialforschung und Konzepten historischer Hermeneutik gar nicht zu reden.“

Zutreffend ist hingegen, dass die Kommission für Zeitgeschichte bereits 2013 an die deutschen Bischöfe appelliert hat, geschichtswissenschaftliche Expertise in ihre Bemühungen um Aufarbeitung des Mißbrauchs unbedingt einzubringen. Dies wurde vom Mißbrauchsbeauftragten der Deutschen Bischofskonferenz seinerzeit jedoch abschlägig beschieden. Die Kommission hat in der Folgezeit eigenständig den „AK Mißbrauchsforschung“ aufgebaut. Dessen Arbeit erwuchs aus der Tagung „Katholische Dunkelräume“ im Oktober 2020 und wurde seither kontinuierlich und mit hervorragender fachlicher Resonanz (z. B. in einer Sektion beim Historikertag in Leipzig 2023) fortgesetzt. 2024 fand eine weitere größere Tagung zum Thema statt, deren Ergebnisse demnächst publiziert werden (vgl. www.kfzg.de unter „Arbeitskreise“). 2023 erschien im Historischen Jahrbuch ein methodenorientierter Beitrag Missbrauchsforschung als Thema der Zeitgeschichte von Nicole Priesching und Frank Kleinehagenbrock.

Der AK Mißbrauchsforschung der Kommission für Zeitgeschichte hat an Aufarbeitungsprozessen beteiligte Personen nicht nur aus der Geschichtswissenschaft, sondern interdisziplinär, nicht zuletzt auch aus den Archiven zusammengeführt und in kontinuierlichen Austausch – übrigens auch mit Betroffenen – gebracht. Zusätzlich zu den methodischen Überlegungen hat er wichtige rechtliche Fragen erörtert. Er hat weit über den deutschen Zusammenhang hinaus unter internationaler Beteiligung gearbeitet (mit Teilnehmern aus den USA, Großbritannien, der Schweiz, Spanien und Portugal). Er hat also genau die in dem Artikel angemahnte Arbeit an multiperspektiven Ansätzen unter Einbeziehung qualitativer Sozialforschung und Konzepten historischer Hermeneutik geleistet. Mir ist kein anderer Ort bekannt, an dem dies mit vergleichbarer Intensität und nachprüfbaren Ergebnissen geschehen wäre. Inwieweit diese Arbeit fortgesetzt werden kann, nachdem der Verband der Diözesen Deutschlands der Kommission für Zeitgeschichte ab 2027 den Zuschuß gestrichen hat, steht auf einem anderen Blatt.

Prof. Dr. Thomas Brechenmacher
Vorsitzender der Wissenschaftlichen Kommission der Kommission für Zeitgeschichte e. V.