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Das Deutsche Reich wurde auf den Schlachtfeldern Frankreichs geboren, im Spiegelsaal von Versailles schien sich Preußens Berufung in der deutschen Geschichte zu vollenden. Doch die massive
Einheitsrhetorik der Propagandisten des neuen Kaiserreiches verdeckte nur mühsam die Gräben zwischen Nord und Süd, die Differenzen zwischen Konservativen und Demokraten und vor allem auch die Kluft
zwischen Katholiken und Protestanten.
Diese Kluft ist besonders sichtbar in den unterschiedlichen Deutungen, die katholische und protestantische Feldgeistliche dem Krieg von 1870/71 gegeben haben. Die interpretatorischen Schlüsse, die
sie für sich und andere aus den Erlebnissen mit den eigenen Soldaten, vom einfachen Mann bis zum General, und aus ihrer Begegnung mit dem Feind zogen, untersucht der Autor mit Hilfe eines
wissenssoziologischen Erfahrungsbegriffs. Er stützt sich dabei auf eine breite Basis von Quellen, z. B. auf private Briefe, dienstliche Tätigkeitsberichte, auf Feldpredigten, auf für die
zeitgenössische Presse produzierte Erlebnisberichte sowie auf später publizierte Kriegserinnerungen von Feldgeistlichen beider Konfessionen.
Das Buch ist ein überzeugender, innovativer Beitrag zu den konfessionellen Deutungskämpfen um Wesen und Ziel der deutschen Nation zur Reichsgründungszeit und zu dem verschütteten, von der Forschung bisher
kaum wahrgenommenen katholischen Anteil an der kulturellen Konstruktion der Nation. Gerade der Krieg 1870/71, in dem der Konflikt der Katholiken zwischen Konfession und Nation auf die Spitze
getrieben wurde, liefert aufschlussreiche neue Antworten auf die Frage nach dem Verhältnis des Katholizismus zum protestantisch dominierten Kaiserreich.
Der Autor zeigt auch, wie selektiv und subjektiv der Krieg wahrgenommen wurde und wie vermeintlich Individuelles aus kollektiven Mustern erwuchs, um sich dann seinerseits in allgemeines Wissen
zurückzuspeisen, verstärkend oder modifizierend. Damit bereichert die Studie auch die Militärgeschichte methodisch um einen gewichtigen Beitrag.
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