Fremdarbeiter I/IV
Kommission für Zeitgeschichte, Forschungsstelle Bonn

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Karl-Joseph Hummel

 

Fremdarbeiter in Einrichtungen der katholischen Kirche 1939–1945

Aspekte der Forschung, Entschädigung und Versöhnung[1]
 

Der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz beschloß am 28. August 2000 in Würzburg, für ausländische Fremdarbeiter, die während des Zweiten Weltkriegs zu Arbeiten in kirchlichen Einrichtungen herangezogen worden waren, einen kirchlichen Entschädigungs- und Versöhnungsfonds einzurichten.[2] Für die individuelle Entschädigung dieser »Zwangsarbeiter« wurden 5 Millionen DM bereitgestellt, mit weiteren 5 Millionen DM soll ein »Impuls zur Stärkung der kirchlichen und gesellschaftlichen Versöhnungsarbeit« gegeben werden.[3] Zur Begründung dieser Entscheidung erläuterte Bischof Karl Lehmann auf der anschließenden Pressekonferenz: »Der Ständige Rat ist der Auffassung, dass die katholische Kirche in dem jetzt unternommenen Versuch unseres Volkes, die Zwangsarbeiterproblematik umfassend aufzuarbeiten, vorrangig für die berechtigten Interessen derjenigen eintreten muss, die als Fremdarbeiter in katholischen Einrichtungen tätig waren. ... Der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz hat weiterhin beschlossen, über die Einzelfall-Leistungen hinaus in der Versöhnungsarbeit noch einmal eine zusätzliche Initiative zu ergreifen.«[4]

Diese Entscheidung bedeutete, daß die katholische Kirche sich an der mit einem Kapital von 10 Milliarden DM ausgestatteten Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« nicht beteiligte, auf die sich Bundeskanzler Gerhard Schröder und zunächst 12 führende deutsche Unternehmen am 19.  Februar 1999 verständigt hatten.[5] Bis zum Sommer 2000 war die katholische Kirche weder von der Bundesregierung bzw. ihrem Sonderbeauftragten noch durch beteiligte Unternehmen selbst über das Ergebnis der verschiedenen internationalen Verhandlungsrunden informiert worden. Als sich aber herausstellte, daß die Wirtschaft ihren 5 Milliarden-Anteil an der Stiftung nur unter großen Schwierigkeiten aufbringen würde, waren plötzlich alle gesellschaftlichen Gruppen aufgefordert, ein Zeichen gesamtgesellschaftlicher Verantwortung und Solidarität zu setzen und sich der Stiftungsinitiative anzuschließen.

Die EKD und das Diakonische Werk kamen dieser Erwartung – ohne vorherige Abstimmung mit der Deutschen Bischofskonferenz – am 12. Juli 2000 nach. Präses Manfred Kock und Präsident Jürgen Gohde erklärten, sich mit einer Zustiftung von 10 Millionen DM an der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft zu beteiligen, und wollten damit zum Ausdruck bringen, »dass die Aufbringung der Mittel für die Stiftung nicht in ein direktes Verhältnis zur damaligen Beschäftigung von Zwangsarbeitern gesetzt werden kann, sondern die gemeinsame Angelegenheit der heutigen Generation des deutschen Volkes ist.«[6]

Otto Graf Lambsdorff, der Sonderbeauftragte der Bundesregierung für die Zwangsarbeiterentschädigung, kommentierte dazu: »Ich bin ja Mitglied der Kammer für öffentliche Verantwortung der EKD. In diesem Rahmen habe ich schon zwei Mal in den vergangenen Monaten über den Stand der Verhandlungen berichtet. ... Das hat sicher dazu beigetragen, daß der Rat der EKD jetzt erklärt hat, sich am Stiftungsfonds beteiligen zu wollen – und zwar unabhängig davon, ob die Kirche Zwangsarbeiter beschäftigt hat oder nicht. Darauf lege ich großen Wert. Die evangelische Kirche beteiligt sich daran, weil es eine deutsche Gesamtverantwortung gibt, der sich auch die Kirche nicht entziehen will und nicht entziehen kann.«[7]

Über die Medien forderte Graf Lambsdorff auch von der katholischen Kirche, sich ihrer Gesamtverantwortung zu stellen. Im Gegensatz zur evangelischen habe sich die katholische Kirche immer damit herausgeredet, sie müsse zunächst prüfen, wo sie Zwangsarbeiter beschäftigt habe. Es sei bemerkenswert, daß sich der Papst zur Verstrickung der katholischen Kirche in Gewaltherrschaft bekannt habe. Er würde sich freuen, erklärte Graf Lambsdorff, »wenn dem in Deutschland Taten folgen würden.«[8]

Die Entscheidung der katholischen Bischöfe, auch im Unterschied zu EKD und Diakonie einen eigenen Weg zu gehen, wurde einmütig, aber gegen erheblichen politischen Meinungsdruck und gegen die einhellige Erwartung der veröffentlichten Meinung getroffen; sie bedurfte deshalb einer außergewöhnlich präzisen Vorbereitung und einer überzeugenden Begründung.

Worum ging es in der Sache? Die Geschichte der Zwangsarbeiter im Dritten Reich ließe sich als Abfolge einer ganzen Reihe von rechtlichen, politischen oder ökonomischen Teilgeschichten erzählen, auf die ich Sie heute nur hinweisen kann.[9] In einer umfassenden Darstellung des Themas »Zwangsarbeiter« wären z. B. Kapitel wie »Schuld und Verantwortung«, »Geschichtspolitik« oder »Wiedergutmachung« unverzichtbar, von denen heute nicht die Rede sein kann.

Zwischen 1939 und 1945 wurden insgesamt ca. 13,61 Millionen ausländischer Männer, Frauen und Kinder für einen Arbeitseinsatz im Deutschen Reich und im besetzten Europa angeworben oder dazu gezwungen.[10] Der Einsatz dieser ausländischen Zivilarbeiter, Kriegsgefangenen und Häftlinge im nationalsozialistischen Deutschland war ein wesentlicher Teil der wirtschaftlichen und sozialen Alltagsnormalität der Jahre 1939 bis 1945. Ihre Beschäftigung wurde nach dem Scheitern der Blitzkriegstrategie trotz erheblicher ideologischer und sicherheitspolizeilicher Bedenken – vor allem gegen den millionenfachen Einsatz von Arbeiterinnen und Arbeitern aus dem Osten – unausweichlich.[11] 1944 war ca. jeder 4. Beschäftigte in der deutschen Wirtschaft Ausländer. Die ausländischen Arbeitskräfte stellten 1944 in der Landwirtschaft fast die Hälfte und je nach Industriezweig zwischen 30% und 50% der Beschäftigten.[12]
 

Kriegsgefangene im Arbeitseinsatz 1939–1945

 

Gesamtbestand
1939–1945

Davon in
Zivilstatus

Überlebende
Mitte 1945

Polen

300.000

205.000

220.000

Belgier

65.000

0

65.000

Franzosen

1.285.000

220.000

1.250.000

Briten

105.000

0

105.000

Serben

110.000

0

105.000

Sowjetbürger

1.950.000

Einige Tausend

950.000

Italiener

495.000

460.000

465.000

Andere

275.000

0

265.000

Gesamt:

4.585.000

885.000

3.425.000

 

Ausländische Zivilarbeiter im Arbeitseinsatz 1939–1945

 

Gesamtbestand
1939–1945

Überlebende
Mitte 1945

Balten

75.000

75.000

Belgier

375.000

365.000

Bulgaren

30.000

30.000

Dänen

80.000

80.000

Franzosen

1.050.000

1.015.000

Griechen

35.000

35.000

Italiener

960.000

940.000

Kroaten

100.000

100.000

Niederländer

475.000

465.000

Polen

1.600.000

1.470.000

Schweizer

30.000

30.000

Serben

100.000

100.000

Slowaken

100.000

100.000

Sowjetbürger

2.775.000

2.525.000

Tschechen

355.000

330.000

Ungarn

45.000

45.000

Sonstige

250.000

240.000

Gesamt:

8.435.000

7.945.000

 

Der heutige Vortrag über »Fremdarbeiter in Einrichtungen der katholischen Kirche 1939–1945« erlaubt mir im Blick auf die zur Verfügung stehende Redezeit lediglich eine Konzentration auf drei Aspekte, die hilfreich sein könnten, um den Gesamtkomplex »Zwangsarbeiter« in die gegenwärtig aktuelle Diskussion in der Bundesrepublik Deutschland einzuordnen.

In einem ersten Teil versuche ich die Ausgangssituation vom Sommer 2000 näher zu beleuchten, in dem ein Beitrag im Fernsehmagazin Monitor[13] Zwangsarbeit von einem Tag auf den anderen zu einem Problem auch der katholischen Kirche werden ließ; teilweise mußte man den Eindruck gewinnen, vor allem der katholischen Kirche.

Zweitens: Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg ist ein Thema von erheblichem wissenschaftlichem Gewicht, das in der Katholizismusforschung aber erstaunlich lange kaum Beachtung gefunden hat. Inzwischen gibt es aber eine ganze Reihe von Überlegungen zu Teilprojekten aus dem Gesamtkomplex »Kirche im Krieg«, die ich Ihnen vorstellen möchte. Mir ist kein anderes Beispiel bekannt, daß sich so viele Zeithistoriker gleichzeitig in allen deutschen Diözesen so intensiv um ein Thema der Katholizismusgeschichte bemüht hätten und dabei in manchem Archiv erstaunliche Bestände entdeckt hätten, wie dies seit einem Jahr bei den Zwangsarbeitern der Fall ist. Diese wissenschaftliche Aufbruchstimmung bedarf konsequenter und kontinuierlicher wissenschaftsorganisatorischer Unterstützung.

In einem dritten und abschließenden Abschnitt resümiere ich die Tätigkeit des Entschädigungsfonds, der von München aus durch den Deutschen Caritasverband verwaltet wird,[14] und des Versöhnungsfonds, den Renovabis im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz von Freising aus betreut.[15]


[1] Der vom Verfasser auf der Generalversammlung der Görres-Gesellschaft am 2. Oktober 2001 in Paderborn gehaltene Vortrag wurde für den Druck leicht überarbeitet und mit Belegstellen versehen. Der Vortragsstil wurde beibehalten.

[2] Vgl. die Erklärung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Karl Lehmann, auf der Pressekonferenz in Mainz am 29. August 2000: »Beschäftigung von ausländischen Arbeitskräften in Einrichtungen der katholischen Kirche 1939–1945« (Pressemitteilungen der Deutschen Bischofskonferenz Nr. 39, Bonn 2000).

[3] Versöhnungsfonds der katholischen Kirche in Deutschland. Richtlinien für die Vergabe von Fördermitteln, S. 2.

[4] Presseerklärung, 29. August 2000, S. 10.

[5] Inzwischen sind der Initiative 6533 Mitglieder beigetreten (Stand: 18. März 2002).

Die »Gemeinsame Erklärung« des Bundeskanzlers und der Unternehmen Allianz, BASF, Bayer, BMW, DaimlerChrysler, Deutsche Bank, Degussa, Dresdner Bank, Friedr. Krupp AG Hoesch -Krupp, Hoechst, Siemens und Volkswagen vom 16. Februar 1999 wurde vom Presse- und Informationsamt als Nr. 68/99 veröffentlicht. Dort heißt es: »Die Initiative der Unternehmen verfolgt drei Ziele: Eine Antwort auf moralische Verantwortung deutscher Unternehmen aus den Bereichen der Zwangsarbeiter-Beschäftigung, der Arisierung und anderen Unrechts aus der Zeit des NS-Unrechts zu geben, aus diesem Verständnis der NS-Vergangenheit humanitäre und zukunftsweisende Projekte zu fördern und dadurch eine Grundlage zu schaffen, um Klagen, insbesondere Sammelklagen in den USA, zu begegnen und Kampagnen gegen den Ruf unseres Landes und seiner Wirtschaft den Boden zu entziehen.«

[6] Pressemitteilung vom 12. Juli 2000: »Die Erinnerung wach halten – gemeinsam Verantwortung übernehmen.«

Für die Entscheidung wichtige Vorstudien des Diakonischen Werks der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) wurden am 18. August unter dem Titel »Verletzte Menschenwürde – NS -Zwangsarbeiter in der Diakonie: Hintergründe – Teilergebnisse – Forschungsperspektiven« auch als Diakonie Korrespondenz 07/00 veröffentlicht.

[7] Otto Graf Lambsdorff in: KNA, Interview 60, 13. Juli 2000.

[8] Ders., Beitrag für Bild am Sonntag (23. Juli 2000), zitiert in: Frankfurter Rundschau, 24. Juli 2000.

[9] Vgl. die ausführlichen Literaturhinweise bei

– Klaus Barwig, Günter Saathoff, Nicole Weyde (Hrsg.), Entschädigung für NS-Zwangsarbeit. Rechtliche, historische und politische Aspekte, Baden-Baden 1998.

– Klaus Barwig, Dieter R. Bauer, Karl-Joseph Hummel (Hrsg.), Zwangsarbeit in der Kirche. Entschädigung, Versöhnung und historische Aufarbeitung, Stuttgart 2001.

– Ulrich Herbert, Fremdarbeiter. Politik und Praxis des »Ausländer-Einsatzes« in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, 1. Aufl. Berlin 1985, Neuaufl. Bonn 1999, S. 538–570.

– Hans Günter Hockerts, Wiedergutmachung in Deutschland. Eine historische Bilanz 1945–2000, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 49 (2001), S. 167–214.

– Wilfried Reininghaus, Norbert Reimann (Hrsg.), Zwangsarbeit in Deutschland 1939–1945. Archiv- und Sammlungsgut, Topographie und Erschließungsstrategien, Bielefeld 2001, S . 268–274.

– Mark Spoerer, Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Deutschen Reich und im besetzten Europa 1939–1945, Stuttgart, München 2001, S. 304–319.

[10] Die beiden Tabellen wurden übernommen aus: Mark Spoerer (Anm. 9), S. 221f.

Spoerer rechnet mit folgenden Stichtagszahlen: 4.585.000 Kriegsgefangene, 8.435.000 ausländische Zivilarbeiter und 1.700.000 KZ-Häftlinge/Arbeitsjuden. In diesen insgesamt 14,72 Millionen sind ca. 1,10 Millionen Doppelzählungen enthalten, die zur Ermittlung einer zuverlässigen Gesamtzahl wieder abgezogen werden müssen.

Vgl. auch Spoerers Zusammenfassung »Zwangsarbeit im Dritten Reich. Verantwortung und Entschädigung«, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 9, 2000, S. 508–527.

[11] Herbert 1999 (Anm. 9), S. 153–220.

[12] Herbert 1999 (Anm. 9), S. 314–317.

[13] ARD, 20. Juli 2000, 21.15 Uhr.

[14] Die konkreten Vergaberichtlinien des Entschädigungsfonds wurden auf einer Pressekonferenz in Mainz am 7. November 2000 bekanntgegeben. Die Geschäftsstelle des Entschädigungsfonds ist bei der Hauptvertretung München des Deutschen Caritasverbandes eingerichtet.

Der Deutsche Caritasverband fordert seit Juli 2000 in deutscher, englischer, polnischer und russischer Sprache im Internet dazu auf, ihm Erkenntnisse über den Einsatz von Zwangsarbeitern in Einrichtungen der Caritas mitzuteilen (www.caritas.de).

[15] Die jeweils aktuellen Informationen zu Richtlinien, Zielsetzungen und Bewilligungen des Versöhnungsfonds erhält man unter www.renovabis.de im Internet.

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