Fremdarbeiter II/IV
Kommission für Zeitgeschichte, Forschungsstelle Bonn

Kommission für Zeitgeschichte

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I. Öffentlicher Druck und kirchliche Fondsgründung im Sommer 2000

Die Initiative zu der jüngsten Entschädigungsdebatte in der Bundesrepublik Deutschland hatten im Frühjahr 1998 US-amerikanische Rechtsanwälte ergriffen. In Reaktion auf deren Klage-Kampagne – zunächst gegen US-amerikanische Konzerne mit deutschen Töchtern – entstand im Verlauf des Jahres 1998 in der Bundesrepublik Deutschland eine vorbeugende »Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft«. Nach zwölf schwierigen internationalen Verhandlungsrunden über die Höhe der Stiftungssumme, den Verteilungsschlüssel und die Sicherheit des Rechtsfriedens für deutsche Unternehmen beschloß der Deutsche Bundestag am 6. Juli 2000 die Errichtung der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft«. In dem Stiftungsgesetz verpflichteten sich der deutsche Staat und erstmals auch die deutsche Industrie zu einer Einlage von jeweils 5 Milliarden DM.[16]

EKD und Diakonie hielten – wie erwähnt – bei ihrer Entscheidung die »zur Abwehr von möglichen juristischen Klagen und von wirtschaftlichen Boykottmaßnahmen und damit verbundenen wirtschaftlichen Nachteilen« gegründete Stiftung für eine »gemeinsame Angelegenheit der heutigen Generation des deutschen Volkes«, »der heutigen Unternehmen, der heutigen Bürgerinnen und Bürger, aber auch weiterer gesellschaftlicher Kräfte.«[17]

Der Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz, Rudolf Hammerschmidt, erklärte dazu: »Wir haben zur Zeit nicht vor, pauschal in einen Fonds einzuzahlen. Sollte sich allerdings herausstellen, daß die katholische Kirche tangiert ist, dann werden wir die Einzelfälle prüfen und Konsequenzen überlegen.«[18] In den Tagesthemen vom 17. Juli 2000 bekräftigte Hammerschmidt: »In dieser konkreten Frage sind wir der Meinung, dass man zunächst genau prüfen muß, ob solche Vorgänge auch in der katholischen Kirche vorgekommen sind, und dann werden wir uns dieser Frage stellen. Und ich denke, zunächst müssen sich all diejenigen, wo nachgewiesener Weise Zwangsarbeiter ausgebeutet wurden, sich ihrer Verantwortung stellen. Man kann dies nicht einfach mit einer pauschalen Zahlung abgelten.«[19]

Am 19. Juli 2000 zitierte die Pressestelle des WDR diese Position und ließ außerdem wissen: »Die katholische Kirche hat in zahlreichen Klöstern und katholischen Einrichtungen Zwangsarbeiter beschäftigt. ... Sie bekamen oft keinen oder nur einen geringen Lohn. Auch KZ-Häftlinge wurden von der katholischen Kirche zur Zwangsarbeit angefordert. ... Das berichtet das ARD-Magazin Monitor in seiner morgigen Ausgabe.«[20]

Der Monitor-Beitrag war ungewöhnlich schlecht recherchiert. Die Redaktion weigerte sich gleichwohl, bereits vor der Sendung nachgewiesene sachliche Fehler zu korrigieren.[21] Nun kann sich die Wirkung einer These ja bekanntlich auch unabhängig von ihrem Wahrheitsgehalt entfalten. So gesehen war dieser Magazinbeitrag sogar außergewöhnlich anregend – z. B. als Anstoß für intensive archivische Quellensuche und jetzt nachzuholende wissenschaftliche Untersuchungen.

In den Medien und in der Geschichtswissenschaft war das Problem der Zwangsarbeit im Zweiten Weltkrieg nämlich noch bis weit in die 1980er Jahre kaum oder nicht angemessen beachtet worden. Politisch war das Schicksal der Zwangsarbeiter seit den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen – das Sklavenarbeiterprogramm war einer der vier Hauptanklagepunkte – zwar immer wieder Gegenstand zwischenstaatlicher Verhandlungen. Im Londoner Schuldenabkommen von 1953 wurde die Regelung ausstehender Reparationsforderungen aber bis zu einem noch abzuschließenden Friedensvertrag vertagt. Dieser rechtliche Schwebezustand änderte sich erst mit Inkrafttreten des als Ersatzfriedensvertrag eingestuften Zwei-plus-vier-Vertrags am 15. März 1991.[22]

Im Anschluß an die Monitor-Sendung kam es im Juli/August 2000 zunächst zu einer breiten, inhaltlich nachahmenden Berichterstattung in vielen anderen Medien. Die Anmoderation von Klaus Bednarz, die katholische Kirche »hat Zwangsarbeiter beschäftigt und zwar im großen Stil«, machte die katholische Kirche in der Medienöffentlichkeit zur »Täterin«, die jetzt einen »Test auf den mit dem päpstlichen Schuldbekenntnis feierlich angekündigten Kurswechsel im Umgang mit den dunklen Kapiteln der Geschichte« zu bestehen habe.[23] »Solange die Bischofskonferenz nicht zu erkennen gibt, dass sie in der Zwangsarbeiterfrage die Kategorie der Gesamtverantwortung teilt, auf die man sich in Politik und Wirtschaft geeinigt hat«, so die FAZ, »wirkt jeder Prüfungsvermerk wie eine peinliche Themaverfehlung. In der katholischen Kirche scheint es einen eigentümlich blinden Fleck für das Problem der strukturellen Mitwirkung zu geben.«[24] Das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt war am 21. Juli 2000 der Meinung: »Die evangelische Kirche ist zu loben ...«, »die katholische Kirche, die sich schon früher schwer tat, ihre Verstrickung mit dem NS-Regime einzugestehen, zögert.«[25]

Hermann Lübbe hat kürzlich von Schuldeingeständnissen als einem »ritualisierten Bestandteil internationaler Begegnungen« gesprochen, dessen Ritual der Selbstanklage freilich Täterschaften und Verantwortlichkeiten verneble.[26] »Selbst die zehn Milliarden Mark, die Deutschland jetzt zugunsten überlebender Zwangsarbeiter aufbringen will, lassen sich nicht als eine haftrechtlich durchkalkulierte Schadensersatzsumme verstehen. Sie symbolisieren vielmehr für ein weiteres Mal die Anerkennung historischer Schuld. ... Sie erfüllen in der Hauptsache symbolische Funktionen der Bekundung guten Willens. Das ist, politisch betrachtet, nicht wenig.«[27] Wenn Bill Clinton aber zum Beispiel auf seiner Afrikareise im März 1998 das offizielle Eingeständnis der Schuld an Verbrechen der Sklaverei mit den Worten formuliere: »We were wrong in that« stelle sich schon die Frage, wer in den USA von heute, wer vielleicht auch außerhalb der USA mit WE gemeint gewesen sein könnte.[28] Dann und wann, fährt Lübbe fort, werde die politische Bitte um Entschuldigung bis zur Bitte um Vergebung gesteigert, wie beispielsweise im Dezember 1999 durch den deutschen Bundespräsidenten zum Abschluß der Verhandlungen über die Entschädigung der Zwangsarbeiter. »Das musste auf Beobachter, die für den Unterschied zwischen angemessenen und weniger angemessenen Riten eine Empfindlichkeit haben, prekär wirken.«[29]

Christian Geyer sprach in seinem Beitrag zur Entscheidungsfindung der Deutschen Bischofskonferenz von der »Unentwirrbarkeit von humanitärer Geste und unheilvollem Gesamtzusammenhang.« »Im Medium des Geldes wird gerade dies zum Ausdruck gebracht: dass es nicht um Verdienst und Schuld im Einzelnen geht, sondern um die Haftung einer im Wechsel der Geschichte sich gleich bleibenden Großinstitution.«[30] Dagegen beharrt Lübbe darauf, auch die Vergangenheitsvergegenwärtigung im Schuldeingeständnis unterliege der Forderung der Gerechtigkeit. »Die wichtigste Voraussetzung für die Erfüllung dieser Gerechtigkeitsforderung ist die Historisierung, das heißt das Bemühen festzustellen, wie es denn wirklich gewesen ist.«[31] Lübbes Kritik, »die sich aktuell ausbreitende vergangenheitspolitische Zivilbußpraxis tut sich naturgemäß ... schwer, die Identität der jeweils beteiligten Subjekte festzustellen«[32], liest sich wie ein Kommentar zu der lapidaren Feststellung: »Auch in der evangelischen Kirche und ihrer Diakonie sind Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter beschäftigt gewesen. Dies war Beteiligung an einem Zwangs- und Unrechtssystem. Wir bekennen diese Schuld.«[33]

Medienpsychologisch war diese Strategie zweifellos erfolgreich. Einerseits lobten die Medien die Entscheidung und ihre Begründung inhaltlich und formal als vorbildlich, und andererseits interessierte sich fortan kaum noch jemand dafür, in welchem Ausmaß und in welchen Formen die evangelische Kirche oder die Diakonie tatsächlich Zwangsarbeiter beschäftigt hatten.[34]

Die Deutsche Bischofskonferenz war sich zu diesem Zeitpunkt – 17. Juli 2000 – weiter einig, es sei davon auszugehen, daß im Bereich der katholischen Kirche keine Anhaltspunkte gegeben seien, die es nahelegen würden, der Initiative der Wirtschaft und der Bundesregierung beizutreten. Statt sich einem allgemeinen Solidarwerk anzuschließen, sollte dem Prinzip der zurechenbaren Verantwortung entsprochen werden. Es wäre also zu prüfen, ob die katholische Kirche in dieser Frage involviert ist. Die katholische Kirche wollte auch dann nicht einem vorschnellen, wirklichkeitsfremden Moralismus das Wort reden, als der Paderborner Theologe Eugen Drewermann diese Einstellung als »beschämend« bezeichnete. Wenn die Kirche nur auf ihre Schuld in Einzelfällen schaue, leugne sie ihre »ideologische Mittäterschaft« am Zweiten Weltkrieg.[35]

Tatsächlich wußte zu diesem Zeitpunkt noch niemand zuverlässige Angaben zu den tatsächlichen Beschäftigungsverhältnissen in der katholischen Kirche in den Kriegsjahren zu machen. Die zentral zugänglichen Quellen hatten zwar ein seelsorgliches Bemühen belegt, aber keine Anhaltspunkte für Beschäftigungsverhältnisse gegeben. Die jetzt auf »der Ebene der Diözesen, der Orden und des Deutschen Caritasverbandes« beginnenden Nachforschungen standen unter erheblichem Zeitdruck – die nächste Sitzung des Ständigen Rates fand am 28. August statt – und unter dem konzentrierten Erwartungsdruck, den Politiker verschiedener Parteien, der Sprecher der Stiftungsinitiative der deutschen Wirtschaft, Wolfgang G. Gibowski, oder der Münchner Anwalt Michael Witti auf die Deutsche Bischofskonferenz ausübten[36]. Von der tageszeitung bis zum Tagesspiegel, vom Neuen Deutschland bis zur Süddeutschen Zeitung wurde unisono wiederholt, ein katholischer Sonderweg habe mit der nun nötigen gemeinsamen Verantwortung nichts zu tun, es gehe schließlich um die »deutsche Gesamtverantwortung«, der sich auch die Kirche nicht entziehen könne; für den Bonner Moraltheologen Gerhard Höver reichte schon »der normale Menschenverstand«, um zu erkennen, daß man die Initiative von Staat und Wirtschaft mittragen müsse.[37] »Es wäre richtig«, so Christa Nickels, »wenn auch die katholische Kirche in den Fonds einzahlen würde, denn jenseits der Frage, wo wie viele Menschen als Zwangsarbeiter beschäftigt worden sind, handelt es sich um die grundsätzliche Frage der Verstrickung der beiden großen Kirchen in das System der Zwangsarbeit.«[38]

Innerhalb von vier Wochen lag der Deutschen Bischofskonferenz dann eine Expertise der Kommission für Zeitgeschichte vor, »die es erlaubte, wenigstens in einer ersten Annäherung historisches Unterscheidungsvermögen möglich zu machen und die ersten Einzelbeispiele in einen Gesamtzusammenhang einzuordnen.«[39] »Vor dem Hintergrund der bisherigen Recherchen«, heißt es resümierend in der Presseerklärung des Ständigen Rates vom 29. August 2000, »kann man feststellen, daß die katholische Kirche in Deutschland ›Zwangsarbeiter‹ nicht ›in großem Umfang‹ (Monitor), nicht ›in großem Stil‹ (Der Spiegel) und nicht ›flächendeckend‹ (Welt am Sonntag) beschäftigt hat.«[40]

Daß sich der Ständige Rat der Deutschen Bischofskonferenz trotz der moralisch aufgeladenen und geschichtspolitisch motivierten Diskussion um die Entschädigung von Zwangsarbeitern schließlich für einen separaten Weg entschied, hatte gute Gründe: Wesentlich war erstens, daß im Entschädigungsfonds der deutschen Wirtschaft und der Bundesregierung die große Gruppe von Zwangsarbeitern in der Landwirtschaft nur am Rande berücksichtigt wurde und wird. Graf Lambsdorff, in der entscheidenden Phase der deutsche Unterhändler, hatte diese Zurücksetzung übrigens nicht für eine Schwachstelle der Vereinbarung gehalten, sondern mit der Begründung verteidigt: »Ich habe von Anfang an in Übereinstimmung mit dem Bundeskanzler die Auffassung vertreten, daß das Los von Zwangsarbeitern in der Landwirtschaft nicht mit denen in Konzentrationslagern und Gettos vergleichbar war und deshalb eine Entschädigung für sie nicht in Frage kommt.«[41] Die Recherchen hatten aber ergeben, daß Zwangsarbeiter in kirchlichen Einrichtungen vornehmlich in diesen oder vergleichbaren ökonomischen Bereichen eingesetzt waren. Die nachträglichen, letztlich vergeblichen Bemühungen von EKD und Diakonie, die von ihnen in den Fonds eingezahlten 10 Millionen DM in eine zweckgebundene Zustiftung für eben jene in der Landwirtschaft beschäftigten Zwangsarbeiter umzuwandeln, konnten an diesem folgenreichen Versäumnis der bundesdeutschen Stiftungsinitiative nichts mehr ändern.

Theologisch schien es zweitens geboten, sich von den in der öffentlichen Diskussion gelegentlich offen oder indirekt erneuerten Vorstellungen einer »Kollektivschuld« zu distanzieren, ohne sich damit der gemeinsamen Solidarität des deutschen Volkes in der Übernahme historischer Verantwortung zu entziehen.

Drittens wollte man sich nicht wie die Stiftungsinitiative damit begnügen, nur jene Opfer zu entschädigen, die von sich aus bis August 2001 einen Antrag auf Entschädigung stellen würden, sondern suchte den gewaltigen infrastrukturellen Problemen in den osteuropäischen Ländern durch eine deutlich ausgeweitete Antragsfrist (31. Dezember 2002) Rechnung zu tragen. Und: In der Logik der Entscheidung lag es außerdem, selbst umfassend und aktiv Nachforschungen zu beginnen und die noch lebenden Zwangsarbeiter ausfindig zu machen. Ehemalige Zwangsarbeiter können zwar auch von sich aus einen Entschädigungsantrag stellen, die Initiative übernahm jetzt aber eine große Zahl Zeithistoriker und Archivare, die in allen deutschen Diözesen mit der Quellensuche begannen.

Schließlich erschien es viertens ratsam, für die Abwicklung der finanziellen Entschädigung auf eigene Erfahrungen und Kontakte zurückzugreifen, z. B. des Deutschen Caritasverbandes und des Maximilian-Kolbe-Werks, das seit 1973 zur Versöhnung mit KZ-Opfern und anderen NS-Geschädigten über 100 Millionen DM Kollekten- und Spendenmittel aufgebracht und verteilt hat.

Am 27. September 2000 veröffentlichte die Deutsche Bischofskonferenz – unabhängig von der Diskussion um die Zwangsarbeiter – ein Hirtenwort »Gerechter Friede«, in dem es zu der Frage nach dem Anteil von Katholiken und katholischer Kirche am Zweiten Weltkrieg heißt: »Der Charakter dieses vorsätzlich heraufbeschworenen Krieges wurde auch von vielen Christen lange verkannt, seine Dimensionen wurden erheblich unterschätzt. Selbst solche, die keinerlei Sympathie für den Nationalsozialismus empfanden oder ihm sogar ausgesprochen ablehnend gegenüberstanden, waren oft in nationalistischen Vorstellungen gefangen, die sie das leidvolle Schicksal der angegriffenen Völker kaum wahrnehmen ließen. Dazu, den Opfern aktiv beizustehen, für sie Leib und Leben zu riskieren, der Propaganda des Hasses privat oder öffentlich entgegenzutreten, sahen sich zu wenige imstande. Dabei wissen wir sehr wohl, welchem Druck Christen wie Nichtchristen damals ausgesetzt waren. Wir kennen das Ausmaß staatlicher Desinformation und die Wirksamkeit der Methoden der Einschüchterung und Verängstigung. Dies bewahrt uns davor, überheblich den Stab über eine ganze Generation zu brechen und damit zugleich die Opfer zu missachten, die in jener Zeit nicht zuletzt von Christen gebracht wurden. So bewegen wir uns in unserem Bemühen darum, mit der schuldbehafteten Vergangenheit angemessen umzugehen, auf einem schmalen und dornigen Pfad, der immer wieder Anlass gibt, um Verzeihung zu bitten.«[42]


[16] Das Gesetz zur Errichtung einer Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« wurde am 6. Juli 2000 im Deutschen Bundestag mit einer Mehrheit von 90 Prozent verabschiedet. Nach der Zustimmung des Bundesrats am 14. Juli 2000 trat es am 12. August 2000 in Kraft.

Vgl. auch den »Ersten Bericht der Bundesregierung über den Stand der Auszahlungen und die Zusammenarbeit der Stiftung ›Erinnerung, Verantwortung und Zukunft‹ mit den Partnerorganisationen« vom 27. November 2001 (mit Stand vom 30. September 2001), in: Bundestagsdrucksache 14/7728.

[17] Pressemitteilung vom 12. Juli 2000, S. 1.

[18] Presseerklärung vom 12. Juli 2000.

[19] Deutsche Bischofskonferenz, Fernseh-/Hörfunkspiegel Inland, 18. Juli 2000 zum Bericht von Rainald Becker in den ARD-Tagesthemen vom 17. Juli 2000, 22.52 Uhr.

[20] Vorankündigung des Beitrags vom 20. Juli 2000 durch die Pressestelle des WDR (19. Juli 2000, 13.17 Uhr).

Nach den Monitor-Recherchen haben »u. a. in der Benediktinerabtei Kloster Ettal, im Dominikanerkloster St. Josef am Ammersee, im Franziskanerkloster in Neiße und im Paderborner Leokonvikt vor allem Polen, Russen und Ukrainer Zwangsarbeit geleistet.«

[21] Der Beitrag begann mit der rhetorischen Frage: »Die katholische Kirche im Dritten Reich zum Teil eng verbandelt mit den Nazis. Hat auch sie Zwangsarbeiter beschäftigt? Soll auch sie in den Entschädigungsfonds einzahlen?« und konstruierte dann am Beispiel des Kölner Doms einen Zusammenhang Katholische Kirche/KZ-Häftlinge. Der damalige Kölner Dombaumeister soll zehn Kriegsgefangene und fünfzehn KZ-Häftlinge angefordert haben, um einen durch eine Bombe beschädigten Pfeiler reparieren zu lassen.

Der Leiter des Kölner Dombauarchivs, Rolf Lauer, erklärte dazu: »Die Dombauhütte und Dombauverwaltung war bis 1945 staatliche preußische Bauverwaltung. Mit diesem Vorgang hatte keine einzige im Kirchendienst stehende Person zu tun.« In: Die Tagespost, 22. Juli 2000.

Siehe auch: »Dürftige Beweislage«, in: KNA, Korrespondentenbericht NW 103, 25. Juli 2000: »›Monitor‹ war auf entsprechende Klarstellungen, die Dombauarchivar Rolf Lauer schon vor der Ausstrahlung des Beitrags geäußert hatte, gar nicht eingegangen.«

Die Angaben zu den Zwangsarbeitern in der Benediktinerabtei Ettal hat das Kloster in verschiedenen Medien und durch eigene Veröffentlichungen selbst umgehend richtiggestellt: Vgl. z. B. die Stellungnahme des Priors, Pater Maurus Kraß OSB, vom 19. Juli 2000, 17.00 Uhr, die am 20. Juli 2000 noch vor der Monitorsendung auch als Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz verbreitet wurde, oder die Artikel in: Welt am Sonntag, 23. Juli 2000; Süddeutsche Zeitung, 21. Juli und 22. Juli 2000: Katholische Kirche und Zwangsarbeiter. Ein erträgliches, unerträgliches Leben.

Die Dokumentation: Fremdarbeiter in Ettal während des Zweiten Weltkriegs, zusammengestellt von P. Maurus Kraß, in: Ettaler Mandl, Stimmen aus Abtei-, Jung- und Alt -Ettal 79, Nr. 1/2, Winter 2000, S. 40–60 faßt die Reaktion übersichtlich zusammen. Für aktuellere Informationen siehe die Homepage des Klosters www.kloster-ettal.de.

[22] Vgl. dazu Hockerts (Anm. 9), S. 191–193, 210f. »Tatsächlich wurde im Zwei-Plus-Vier -Vertrag die Reparationsfrage so behandelt, als ob sie nicht existiere, und sie gilt seither im Verständnis der Bundesregierung als erledigt.« (S. 211).

[23] Christian Geyer, Testfall. Bei den Zwangsarbeitern verfehlt die Kirche das Thema, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. Juli 2000.

[24] Ebd.

[25] Jürgen Wandel in: Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, Zur Sache. Eine Geste des guten Willens. Zwangsarbeiter: Wann zahlen die Katholiken?, 21. Juli 2000; ders., Von Schuld ist keine Rede, Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt, 1. September 2000.

[26] Vgl. Hermann Lübbe, Schuldbekenntnisse international, in: Damals 5, 2001, S. 40.

[27] Ebd., S. 41f.

[28] Hermann Lübbe, Ich entschuldige mich. Das neue politische Bußritual, Berlin 2001, S. 17f.

[29] Ebd., S. 15.

Bundespräsident Rau erklärte in seiner Stellungnahme vom 17. Dezember 1999: »Sklaven- und Zwangsarbeit bedeutete nicht nur das Vorenthalten des gerechten Lohnes. Sie bedeutete Verschleppung, Heimatlosigkeit, Entrechtung, die brutale Missachtung der Menschenwürde. Oft war sie planvoll darauf angelegt, die Menschen durch Arbeit zu vernichten. ... Ich gedenke heute aller, die unter deutscher Herrschaft Sklavenarbeit und Zwangsarbeit leisten mussten und bitte im Namen des deutschen Volkes um Vergebung. Ihre Leiden werden nicht vergessen.«

[30] Christian Geyer, Testfall.

[31] Lübbe, Ich entschuldige mich, S. 40.

[32] Ders., S. 73.

[33] Pressemitteilung der EKD und des Diakonischen Werks, 12. Juli 2000, S. 2.

[34] In der Pressemitteilung vom 12. Juli 2000 hieß es freilich auch: Unabhängig von unserem finanziellen Beitrag zur Stiftung haben wir »die Bemühungen fortgesetzt, die eigene Verstrickung in das Unrecht der Zeit des Nationalsozialismus zu untersuchen. Wir werden die Ergebnisse der Forschungen, sobald sie vorliegen, publizieren und öffentlich zur Diskussion stellen.«

Mit der Durchführung dieses einjährigen Forschungsprojekts (15.3.2001 – 14.3.2002) wurde Jochen-Christoph Kaiser, Marburg beauftragt. Vgl. info@projekt-zwangsarbeit.de und Mitteilungen der Ev. Arbeitsgemeinschaft für kirchliche Zeitgeschichte, Folge 19, München 2001, S. 79–82.

[35] Eugen Drewermann zitiert in: ddp, 29. August 2000 (Zweite Zusammenfassung).

[36] Vgl. z. B. das Interview der Grünen-Politikerin Christa Nickels, Mitglied im Zentralkomitee der deutschen Katholiken, in der Frankfurter Rundschau, 21. Juli 2000: »Die Position der Katholiken ist untragbar.«

Die Vorsitzende des Bundestagsinnenausschusses, Ute Vogt (SPD), sagte der Welt am Sonntag, »als Katholikin erwarte sie von ihrer Kirche, dass sie ihren Beitrag zum Entschädigungsfonds für Zwangsarbeiter leistet.« (23. Juli 2000); »eine solche Geste wünsche ich mir unabhängig von der Beteiligung der Kirche am System der Zwangsarbeit.«, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Juli 2000.

Max Stadler (FDP) sah bei der katholischen Kirche »eindeutig Nachholbedarf«, in: Welt am Sonntag, 23. Juli 2000.

Wolfgang Gibowski sagte der Rhein-Zeitung, 25. Juli 2000, und dem Kölner Stadt-Anzeiger, 30. August 2000, die Entscheidung der Bischöfe sei »kleinherzig und unangemessen« und verletze den Grundgedanken der Solidarität: »Die Katholiken nehmen für sich in Anspruch, dass es für sie eine Sonderlösung gibt.« (gegenüber dpa, 29. August 2000, 15.57 Uhr).

Michael Witti warf sogar »die Frage auf, ob die Kirche nicht die Ansprüche auf weitere staatliche Leistungen verwirkt, wenn Gesetze, die ganz frisch vom Parlament verabschiedet wurden, ignoriert werden.«! Nach: ddp, 29. August 2000, 17.14 Uhr (Zweite Zusammenfassung).

[37] Gerhard Höver im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, 15. Juli 2000.

[38] Christa Nickels, in: Die Welt, 22. Juli 2000.

Vgl. auch die Zusammenfassung »Katholische Kirche soll sich an Entschädigung beteiligen.«, in: KNA Inland 140, 25. Juli 2000, S. 5.

[39] Karl-Joseph Hummel in: Barwig, Bauer, Hummel (Anm. 9), S. 258.

[40] Pressemitteilungen der Deutschen Bischofskonferenz Nr. 39, 29. August 2000, S. 3.

[41] Otto Graf Lambsdorff in einem Leserbrief an die Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21. Oktober 1999.

[42] Gerechter Friede, 27. September 2000 (Die deutschen Bischöfe, hrsg. v. Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz, Nr. 66), S. 94.

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