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III. Zwischenbilanz nach einem Jahr: Die Tätigkeit des Entschädigungsfonds und des Versöhnungsfonds
Der Entschädigungsfonds und der Versöhnungsfonds der katholischen Kirche in Deutschland sind aufeinander bezogen und bilden eine innere Einheit. Die Entschädigung ehemaliger Zwangsarbeiter mit einem
einheitlichen Betrag von 5.000 DM zielt auf einen angemessenen, wenn auch symbolischen Umgang mit der fortwirkenden Vergangenheit, während die vom Versöhnungsfonds unterstützten Projekte immer wieder neu
zu leistende Bemühungen um Völkerverständigung ermöglichen. Der Versöhnungsfonds hat die Aufgabe, »die Erinnerung an die Folgen von Systemunrecht wachzuhalten, das Verständnis für die Opfer zu fördern,
Ansätze zum Dialog, zur Verständigung und zur Versöhnung zwischen den Menschen und Völkern zu stärken, die Auseinandersetzung mit systematischen Menschenrechtsverletzungen und politischer
Gewaltherrschaft zu unterstützen und zu präventivem Handeln zu ermutigen«[78]. Die Arbeitsweise und die Strukturen des Versöhnungsfonds wurden am 30.
Januar 2001 auf einer Tagung in Mainz von Gerhard Albert, dem Vorsitzenden des Vergabeausschusses des Versöhnungsfonds, erläutert. Die »Bemühungen um die Aufarbeitung belasteter Vergangenheit
legitimieren sich sowohl von der Perspektive möglicher Aussöhnung her als auch aus dem Gedanken der Prävention, der darauf zielt, daß sich vergangenes Unrecht nicht in ähnlicher Weise immer neu
wiederholt. Sie wirken damit auch der Tendenz entgegen, den Umgang mit historischen Fakten in den Dienst einer ›Vergangenheitspolitik‹ zu stellen. ... Nach dem Willen der Deutschen Bischofskonferenz soll
der Fonds auf der Grundlage der seit Jahrzehnten geleisteten kirchlichen Versöhnungsarbeit besonders auch solche Initiativen fördern, die neue Impulse geben und sich neuen Herausforderungen widmen.«[79]
Mit dieser Zielsetzung werden z. B. der Einsatz junger deutscher Christen zur Betreuung ehemaliger KZ-Häftlinge in der Ukraine und in Polen unterstützt, Begegnungsaufenthalte für jüdische KZ- und
Gettoüberlebende und deren Enkelkinder in Deutschland finanziert und Treffen von Jugendlichen mit ehemaligen Zwangsarbeitern ermöglicht. Mitte Juli 2001 war für insgesamt 30 solcher Projekte ein Drittel
der Fondsgelder bewilligt worden. Zum Stichtag 10. Juli 2001 hatte der Fonds von insgesamt 56 Anträgen 30 Maßnahmen mit einem Gesamtvolumen von 1,65 Millionen DM bewilligt, 19 Anträge wurden
abgelehnt, über 7 Anträge war noch nicht entschieden.
Der Versöhnungsfonds hält auch die Erinnerung an die Opfer wach, die nicht überlebt haben; die Arbeit des Entschädigungsfonds steht dagegen unter großem Zeitdruck, weil wahrscheinlich nur noch 10% der
ehemaligen Zwangsarbeiter am Leben sind. Nach einem Jahr intensiver Suche konnten bis zum 20. September 2001 dem Entschädigungsfonds 2.444 Fremdarbeiter gemeldet werden. 228 Personen wurden
inzwischen als verstorben ermittelt, für 930 Personen laufen Nachforschungen des kirchlichen Suchdienstes, für 245 sind Recherchen in Vorbereitung. 141 Fremdarbeitern wurde die Entschädigung bereits
bewilligt, weitere 27 Bewilligungen stehen an.[80] Im Verhältnis zu den angenommenen 8,435 Millionen ausländischen Zivilarbeitern[81] insgesamt sind 2.444 Fremdarbeiter in kirchlichen Einrichtungen weniger als 0,3‰. Die erste Annahme, es handle sich bei den Fremdarbeitern in kirchlichen Einrichtungen um eine
quantitativ sehr kleine Gruppe, ist durch die intensiven Recherchen inzwischen stark erhärtet. Die Quellenlage ist zum Teil aber so schwierig, daß oft nicht einmal Name, Vorname, Geburtsort und
Geburtsdatum einer Person zu ermitteln sind. Die genaue Zahl aller Fremdarbeiter wird deshalb nicht mehr festzustellen sein, dürfte in der Summe aber unter ½ ‰ liegen.[82]
Auf die im August 2000 vorsichtig angenommenen humanen Umstände der Arbeits- und Lebensverhältnisse in kirchlichen Einrichtungen kann inzwischen quellenmäßig nicht nur durch die kritischen Anmerkungen der
NS-Behörden zurückgeschlossen werden. Beispielsweise berichteten die »Meldungen aus dem Reich« vom 23. November 1942: »Der Einsatz der ausländischen Arbeitskräfte im Reich, von denen ein großer Teil
katholisch ist, hat die katholische Kirche zu erhöhter Aktivität veranlaßt. ... Bei ihrer Betreuungsarbeit setze sich die katholische Kirche über die völkischen und rassischen Gegensätze hinweg und sehe
im ausländischen Arbeiter lediglich den ›Glaubensbruder‹. ... Während z. B. die Polen einerseits als Staatsfeinde des deutschen Volkes bezeichnet würden, mit denen es keine Gemeinschaft geben
könne, würden diese andererseits von den katholischen Geistlichen als besonders gute und fromme Katholiken behandelt.«[83]
In katholischen Einrichtungen gab es keine Vernichtung durch Arbeit und keine sklavenähnlichen Arbeitsbedingungen. »Die in der Begründung des Gesetzentwurfs zur Errichtung der Stiftung ›Erinnerung,
Verantwortung und Zukunft‹ enthaltene generelle Einschätzung: ›Sklaven- und Zwangsarbeit bedeutete nicht nur das Vorenthalten des gerechten Lohnes. Sie bedeutete Verschleppung, Heimatlosigkeit,
Entrechtung, die brutale Missachtung der Menschenwürde. Oft war sie planvoll darauf angelegt, die Menschen durch Arbeit zu vernichten.‹ trifft die Situation der Fremdarbeiter in katholischen
Einrichtungen keineswegs.«[84] Auf der anderen Seite kann man humanitäre Gesten im Einzelfall nicht gegen die gravierenden Eingriffe in die persönliche
Lebensplanung von Millionen und gegen die Verstrickung in den »unheilvollen Gesamtzusammenhang« aufrechnen. »Der einzelne kirchliche Träger, dem Zwangsarbeiter zugewiesen wurden«, so Kardinal Lehmann,
»wird wahrscheinlich kaum eine Möglichkeit gesehen haben, sich dem zu entziehen. Aber es war wohl doch auch so, daß uns als Kirche insgesamt das Unrechtmäßige dieser Beschäftigung von Arbeitskräften
nicht ausreichend vor Augen gestanden hat. Das erklärt mindestens zu einem Teil, warum auch die Kirche so lange Zeit – 55 Jahre – gebraucht hat, um sich diesen Fragen zu stellen.«[85]
Der Ettaler Klosterchronist Pater Plazidus schreibt: »Die ersten Ausländer, die uns verließen, waren die 16 kriegsgefangenen Franzosen. ... Sie wurden zum Abschied noch zum Kaffee in den Lesesaal
eingeladen, und man gab ihnen Andenken mit. Jetzt gestanden sie lächelnd auch ihre Diebstähle, die man ohnedies schon bemerkt hatte. In Frieden gingen sie von hier weg, denn sie waren ja froh, daß sie
hier sein konnten, anstatt im ›Stalag‹ bei Moosburg!«[86]
Der französische Arbeiterpriester Henri Perrin, der 1943/44 in einem sächsischen Lager lebte, schreibt in seinem Tagebuch: »Alles in allem ist es schon ein Hundeleben für die Burschen. Sie haben es
gründlich satt, und gelinde gesagt: Unser ganzes Dasein hier ist auch menschenunwürdig. Nicht, daß die äußeren Lebensbedingungen so hart sind, andere haben noch ein viel härteres Leben auf sich genommen,
sondern weil unsere Kameraden dieses Leben nicht gewollt haben.«[87]
Die Erfahrung solcher Diskrepanz gehörte zum Alltag der meisten Zwangsarbeiter in kirchlichen Einrichtungen. Wir wissen inzwischen aus vielen Erinnerungsberichten auch, wie groß die Bandbreite
menschlicher Möglichkeiten vor Ort trotz der Verstrickung in den unheilvollen Gesamtzusammenhang tatsächlich sein konnte. Es war und ist deshalb kein Schwarzweiß-Gemälde, das die Situation der
Zwangsarbeiter zutreffend abbilden würde, es sind die Grautöne, die dominieren. Allein schon deshalb war die Entscheidung der Deutschen Bischofskonferenz, auf jeden Einzelnen zuzugehen und sich
individuell um jedes Schicksal zu kümmern, richtig, selbst wenn sie für viele viel zu spät getroffen wurde. Im rückblickenden Abstand von einem Jahr haben sich inzwischen auch einige der lauten Kritiker
vom Sommer 2000 dieser Einschätzung angeschlossen.[88]
[78] Vergaberichtlinien, § 1 Ziele des Fonds.
[79] Redemanuskript für den Kongress »Gegen Unrecht und Gewalt – Erfahrungen und
Perspektiven kirchlicher Versöhnungsarbeit«, Mainz 30. Januar 2001, S. 1f. (Wiederabdruck in: Barwig, Bauer, Hummel (Anm. 9), S. 294).
[80] Die Zwischenbilanz zum 21. März 2002 verzeichnet 3137 Meldungen, von denen aber 548 nur unvollständige Angaben enthielten. Davon konnten 405 Personen als verstorben
nachgewiesen werden, 216 Personen konnten nicht mehr ermittelt werden, 234 Personen wurde eine Entschädigung bewilligt. Für 1520 Personen sind Recherchen in Vorbereitung oder bereits angelaufen.
[81] Vgl. oben Tabelle 2.
[82] Damit bestätigt sich die Hochrechnung vom Sommer 2000, die Zahl der Zwangsarbeiter in Einrichtungen der katholischen Kirche sei insgesamt sehr klein gewesen und bewege sich -
bezogen auf die Gesamtzahl der Zwangsarbeiter - im Promille-Bereich. Als Bezugszahl wurde damals die Stichtagszahl: 7,6 Millionen Zwangsarbeiter (August 1944) angenommen.
Die telephonische Mitteilung des Verfassers gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, »der Anteil der Zwangsarbeiter in der katholischen Kirche sei insgesamt ›sehr gering‹ (gewesen).
Während in der Wirtschaft etwa jeder vierte Beschäftigte Ausländer gewesen sei, sei es in der Kirche ›nicht mal jeder tausendste‹ gewesen«, wurde in einer ersten Meldung am 25.
August 2000, 15.26 Uhr mit der Überschrift verbreitet: »In katholischer Kirche arbeiteten ›tausende‹ Zwangsarbeiter - Lage nach ersten Recherchen aber noch ›unübersichtlich‹«. Die
Überschrift der zweiten (korrigierten) Meldung von 18.08 Uhr hieß dann: »Anteil der Zwangsarbeiter in der katholischen Kirche ›sehr gering‹. - Nach ersten Recherchen weniger als 7.600 Zwangsarbeiter.«
Zu den bisherigen Forschungsergebnissen siehe die folgenden Werkstatt- und Zwischenberichte aus verschiedenen Diözesen: Einsatz von ausländischen Arbeiterinnen und
Arbeitern / Zwangsarbeitern in kirchlichen Einrichtungen im Bistum Berlin 1939-1945. Ein Werkstattbericht, Stand: 30.9.2001, hrsg. von der Pressestelle des Erzbistums Berlin; Ulrich
Helbach, Joachim Oepen, Einsatz von Zwangsarbeitern in kirchlichen Einrichtungen im Bereich des Erzbistums Köln, hrsg. vom Presseamt des Erzbistums Köln, 1.9.2000; Joachim
Rotberg, Barbara Wieland, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene im Bistum Limburg. Ein Werkstattbericht, Limburg Oktober 2001; Peter Pfister (Hrsg.), Katholische Kirche und
Zwangsarbeit. Stand und Perspektiven der Forschung, Regensburg 2001; Stephan Janker, Zwangsarbeitereinsätze in kirchlichen Einrichtungen in der Diözese Rottenburg-Stuttgart
(Württemberg). Überblick zum Stand der Nachforschungen, 7., korrigierte und erweiterte Fassung, Rottenburg a. N. 1. September 2001; Peter Sieve, Die katholische Kirche und die
Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkriegs im Oldenburger Land. Ein Zwischenbericht, hrsg. vom Offizialatsarchiv Vechta, September 2000.
[83] Meldungen aus dem Reich vom 23. November 1942, in: Heinz Boberach, Berichte des SD (Anm. 45), Nr. 223, S. 759ff.
Vgl. auch die Meldungen aus dem Reich Nr. 209 vom 20. August 1942, S. 712-717 und Nr. 215 vom 1. Oktober 1942, S. 729-735.
[84] Siehe die Erklärung von Bundespräsident Johannes Rau zur Einigung über die Höhe des Stiftungsvermögens zur Entschädigung von Zwangsarbeitern am 17. Dezember 1999 (Anm. 29);
vgl. außerdem die Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz vom 29. August 2000, S. 7 (Anm. 2).
[85] Bischof Karl Lehmann, Redemanuskript für den Kongress „Gegen Unrecht und Gewalt –
Erfahrungen und Perspektiven kirchlicher Versöhnungsarbeit“, Mainz 30. Januar 2001, S. 3f.
[86] Im Juli 2000 als Pressemitteilung erstmals veröffentlichte Aufzeichnung des Ettaler Klosterhistorikers, P. Placidus, abgedruckt in: Ettaler Mandl (Anm. 21), S. 41.
[87] Perrin (Anm. 50), S. 118f.
[88] Vgl. z.B.: Aus Verlegenheit gut, in: Süddeutsche Zeitung, 16. Februar 2001; Nach der Erledigung, in: Der Tagesspiegel, 24. Juni 2001.
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