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Die deutsche Katholizismusforschung befindet sich gegenwärtig in einer spannenden, z. T. aber unübersichtlichen Phase der Veränderung, in der unter wissenschaftlichen, geschichtspolitischen und
medialen Gesichtspunkten sehr unterschiedliche Anforderungen an sie gestellt sind. Eine kürzlich gemeinsam von der Kommission für Zeitgeschichte und der Katholischen Akademie in Bayern veranstaltete
Tagung bot deshalb eine willkommene Gelegenheit zu einer kritischen Bestandsaufnahme und Diskussion wichtiger neuer Perspektiven.
Die wissenschaftliche Ausgangssituation formulierte Hans Günter Hockerts (München) eindeutig und unwidersprochen, gleichwohl für manche überraschend: »Religion ist relevant.« Vor zwanzig Jahren
beherrschten noch die Skeptiker das Feld. Die im Sinne Max Webers »religiös unmusikalischen« Väter der Gesellschaftsgeschichte wie Hans Ulrich Wehler waren – in sich gegenseitig bestärkender
Fehleinschätzung – davon ausgegangen, Religion nach der Aufklärung sei gesellschaftlich eine zunehmend irrelevante Kategorie, die mit ironisierenden Halbsätzen angemessen gewürdigt werde.
Ausgerechnet die Generation ihrer eigenen Schüler entdeckte dann aber die Religionen als zentrale »Vergesellschaftungskerne« neu und interessierte sich dabei insbesondere für das katholische Milieu, das
von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Zweiten Vatikanischen Konzil für immerhin ein Drittel der deutschen Gesellschaft die wesentlichen strukturellen Prägungen bereithielt. Die moderne
Kulturgeschichte näherte sich den Religionen mit den Schlüsselkategorien von »Sinn« und »Bedeutung«. »Religionen sind Prototypen der Ausprägung von Sinn und Bedeutung. Das betrifft sowohl die religiösen
Normen und Lehren als große Deutungssysteme als auch die subjektive Religiosität, also die Dimension des Erlebens von Sinn und Bedeutung.« (Hockerts).
In dieser Ausgangssituation könnte es zu einer produktiven interdisziplinären Zusammenarbeit in der modernen Katholizismusforschung kommen, die aber in Deutschland – im Unterschied z. B. zu
Frankreich – tatsächlich nur eingeschränkt möglich ist. Zeitgleich zu der Annäherung profaner Disziplinen an die Katholizismusforschung haben sich nämlich die meisten Kirchenhistoriker an den
Katholisch-theologischen Fakultäten anderen Forschungen verschrieben und lassen das Feld der kirchlichen Zeitgeschichte unbeackert.
Ein geschichtspolitisches Dilemma kommt hinzu: Die deutsche Katholizismusforschung kann inzwischen eine Fülle von Spezialstudien und Überblicksdarstellungen vorweisen, stößt mit ihren Ergebnissen aber
zunehmend an die Grenzen, die durch feststehende gesellschaftliche Vor-Urteile aufgerichtet werden. Daniel J. Goldhagens Anklageschrift: »Die katholische Kirche und der Holocaust« – nach
übereinstimmendem Urteil kein ernsthafter wissenschaftlicher Beitrag – ist nur ein aktuelles Beispiel dafür, daß wissenschaftliche Forschungserkenntnisse bei der Entstehung geschichtspolitisch
induzierter Geschichtsbilder nur eine marginale Rolle spielen.
Die Frage, ob eine Sendung oder eine Veröffentlichung ein Flop oder ein Erfolg war, hängt mehr von der Einschaltquote oder den Absatzzahlen ab als von der Qualität des Umgangs mit den Quellen und des
wissenschaftlichen Urteils. Die öffentliche Meinung ist gegenüber der ungewöhnlichen Fülle von Fehlern bei Cornwell und Goldhagen jedenfalls großzügig gewesen. Wahrscheinlich gilt diese Nachsicht aber
nur, solange die Autoren, die erreichte wissenschaftliche Standards souverän unterbieten, schreiben, was das Publikum lesen will.
Für die Zeitgeschichtsforschung bedeutet dieser neue Trend jedenfalls die ungewöhnliche Herausforderung, sich in geschichtspolitische Auseinandersetzungen einzumischen, obwohl sie weiß, daß ihre
Ergebnisse viele nur noch am Rande interessieren. Wenn nämlich das Geschichtsbild einer breiten Öffentlichkeit von einem fiktionalen Text stärker geprägt wird als von den Ergebnissen jahrzehntelanger
akribischer wissenschaftlicher Arbeit, dann steht die Forschung offenbar vor einem Vermittlungsproblem, das nicht durch Medienschelte zu lösen ist. Sie muß selbst die schwierige Aufgabe angehen, eine
Form der Popularisierung ihrer Ergebnisse zu finden, die einerseits den Rezeptionsgewohnheiten einer von Massenmedien geprägten Gesellschaft entspricht und andererseits komplexe Sachverhalte nicht bis
zur Verfälschung vereinfacht. Wissenschaftler freilich sind auf die Zumutung, komplizierte Befunde auf die Länge eines Tagesschau-Beitrags zu reduzieren, nur in Ausnahmefällen vorbereitet.
Die inzwischen vierzigjährige Wirkungsgeschichte des Dramas »Der Stellvertreter« (Rolf Hochhuth) ist ein schlagender Beweis dafür, wie erfolglos die Wissenschaft mit dem Versuch geblieben ist, aus der
Defensive mit Editionen und wissenschaftlichen Abhandlungen eine wirkungsvolle Antwort auf moralische Anschuldigungen zu formulieren. Die Diskussion über die Zwangsarbeiter in Einrichtungen der
katholischen Kirche, die Auseinandersetzungen um die Stasiverstrickungen und die Veranstaltungen auf der Lesereise von Daniel J. Goldhagen haben dies erneut bestätigt. Die Katholizismusforschung hat
den Fehdehandschuh aufgenommen. Es gibt zu diesem Engagement der Forscher für die Vermittlung ihrer Ergebnisse auch keine Alternative. Zeitgeschichte ist unausweichlich Streitgeschichte.
Jetzt sind Dolmetscher gefragt. Nicht nur, wenn es um die Übersetzung von Forschungsliteratur in fremde Sprachen geht. »Dolmetscher« werden auch benötigt, um die Ergebnisse der Wissenschaft einem
breiteren Publikum zugänglich und verständlich zu machen. Das Geschichtsbild der Bevölkerung wird nicht allein und nicht einmal vorrangig von den wissenschaftlich arbeitenden Historikern geschaffen. Es
sind vielmehr die vielfältigen Formen des »Infotainment«, die das Geschichtsbewußtsein prägen. Wenn die Wissenschaft die Herausforderung annehmen will, das herrschende Geschichtsbild an ihren eigenen
Ergebnissen zu messen und wo nötig zu korrigieren, bedarf es dazu der Kooperation mit den verschiedenen Medien, die direkt auf die Öffentlichkeit einzuwirken und dadurch Korrekturen zu vermitteln
vermögen.
Dabei sind es nicht nur die Wissenschaftler, die Einfluß auf die Berichterstattung der Medien nehmen, die Medien können auch umgekehrt Impulse für die Forschung liefern. Ein Beispiel: Mitten in der
Debatte um die Entschädigung ausländischer Zwangsarbeiter in der Industrie sah sich in der Monitor-Sendung vom 20. Juli 2000 plötzlich auch die katholische Kirche auf die Anklagebank gesetzt und mit
dem Vorwurf konfrontiert, ebenfalls Zwangsarbeiter beschäftigt zu haben. In der Katholizismusforschung hatte sich bis dato noch niemand um Zwangsarbeiter in katholischen Einrichtungen gekümmert,
ebensowenig hatten andere Historiker, die sich mit Fremdarbeitern befaßten, daran gedacht, Klöster und katholische Krankenhäuser in ihre Untersuchungen einzubeziehen. Die Vorwürfe trafen die
Katholizismusforschung deshalb völlig unvorbereitet und machten erneut deutlich, daß – dem Umfang der vorliegenden Forschungsliteratur zum Trotz – das Thema »Kirche und Katholiken im Dritten
Reich« noch keineswegs erschöpfend erforscht ist.
Begreift man mit »Katholizismus« das gesellschaftlich und politisch organisierte Handeln der Katholiken, und zwar des Klerus wie der Laien, so rücken vornehmlich die letzten 150 Jahre in den Blick. Die
tiefen Einschnitte, welche die Jahre 1870/71, 1914/18, 1933/45 und 1989 in der allgemeinen deutschen Geschichte hinterlassen haben, bestimmen Blickwinkel und Themenspektren auch der
Katholizismusforschung: Nation und Kaiserreich, die beiden Weltkriege, die zwei deutschen Diktaturen und ihre demokratischen Gegenentwürfe von Weimar und Bonn sowie der Prozeß der europäischen Einigung.
Die Frage nach dem Verhältnis von politischem Katholizismus und moderner Demokratie – am Beispiel der Zentrumspartei 1930 bis 1933 – bildete 1962/63 den entscheidenden Impuls für die
Gründung der »Kommission für Zeitgeschichte bei der Katholischen Akademie in Bayern«. Die Provokation durch Hochhuths Drama kam erst danach. Die Initiative zur Gründung der Kommission ging damals von dem
Direktor der Akademie, dem späteren Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz, Prälat Karl Forster, und zwei jungen Historikern aus, dem 35jährigen Rudolf Morsey und dem 40jährigen Konrad Repgen. Die
Münchner Tagung 2003 wurde jetzt zu Ehren dieser beiden bedeutenden Katholizismusforscher veranstaltet. Es ging gleichwohl nicht um einen zufriedenen Rückblick auf ein beeindruckendes Lebenswerk. Vor dem
Hintergrund der geschichtspolitischen und medialen Herausforderungen standen vielmehr die kritische Sichtung der Ergebnisse, die Thematisierung der Versäumnisse und auf dieser Grundlage ein Ausblick auf
künftige Themen- und Aufgabenfelder im Zentrum.
Wohin steuert die Katholizismusforschung? Die noch »qualmende Zeitgeschichte« hält mindestens drei brisante, zum Teil schon seit den sechziger Jahren umstrittene Themenfelder bereit: »Katholizismus und
Antisemitismus«, »NS-Diktatur und Zweiter Weltkrieg« sowie »Demokratie und Diktatur nach 1945«.
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